Die Methode der Spurentextrekonstruktion  lautet der Untertitel des Buches von Sandra Hahn, das auch als Doktorarbeit an der Uni Mainz angenommen wurde.

Nachdem sich in der verkaufsfähigen Dokumentarfotografie immer mehr von der Realität verabschiedet wird und stattdessen die inszenierte Realität als neue fotografische Kreation entsteht, ist das Buch von Sandra Hahn ein ganz anderer Blick an einem ganz anderen Ort: “Das Ziel der Untersuchung ist die Transparenzmachung der interaktiven Logik der spezifischen Form vergangener menschlicher Kommunikation am Tatort, sodass durch die unmittelbar wahrnehmbare Oberflächenkommunikation hindurch auf zugrundeliegende Strukturen (Tiefenstrukturen) (Garz) vorgedrungen werden kann.”

Es geht in dem Buch um sozialwissenschaftliche Theoriebildung und ermittlungslogische Rekonstruktionen.

“Hierbei liegt der Fokus auf der Tatortarbeit und der Beschuldigtenvernehmung, deren logische Bezüge in ihrer Wechselwirkung bislang kaum erkundet worden sind.”

Dafür nutzt sie im praktischen Teil zwei Fälle, bei denen sie Fotos interpretiert und einordnet.

Im Ergebnis versucht sie den “kommunikativen Charakter” von Tatortfotos zu betonen: “Die Funktion, die nicht nur in der Sicherung der als Spuren gedeuteten Überreste der Tat besteht, sondern als Träger wichtiger Hinweise zur Kommunikation des Täters und demgemäß auch zu dessen Persönlichkeit, wirkt bisher ausschließlich im Verborgenen. Mit Anwendung der hermeneutischen Fotoanalyse wird dieses Wissen sichtbar gemacht und lässt die individuelle Motivationsstruktur des Täters hervortreten.”

Sie bezieht sich ausdrücklich auf Ulrich Oevermann und schreibt: “Auf Ullrich Oevermann .. geht der Gedanke zurück, dass prinzipiell alle Materialien sozialer Wirklichkeit unter hermeneutischen Gesichtspunkten zu analysieren sind.”

Und so können wir uns durch ein Buch arbeiten, das Tatortfotos in ihrer Funktion und Nutzungsmöglichkeit diskutiert.

Damit zeigt sich, daß Tatortfotos Möglichkeiten und Grenzen haben. Ich finde das Buch ist ein gelungener Beitrag zur Fototheorie unter der Fragestellung, ob man Tatortfotos auch nutzen kann, um den Motiven auf die Spur zu kommen.

Ein Kapitel hat die Überschrift “Fotos als Erkenntnisquelle”. Dort schreibt Sandra Hahn: “Im empirischen Teil der Arbeit werden Fotos als Material herangezogen, welche die als Spuren gedeuteten Überreste einer Tat dokumentieren. Diese lassen Rückschlüsse auf die individuellen Motive des handelnden Beschuldigten zur Tatzeit zu, welche in die Vernehmungsplanung mit einbezogen werden können.”

Weiter weist sie am Beispiel des Fotos Situation Room darauf hin,  daß innerhalb der Sozialwissenschaften darüber diskutiert wird, welche Materialien  aktueller Ereignisse mit welchen Methoden genutzt werden können.

Wie schwierig dies alles ist, kann man dann lesen.

Das Buch ist für mich aber auch deshalb so interessant, weil ich hier Perspektiven finde, die ich so in noch keinem anderen Buch über Fotografie gefunden habe.

Dabei meine ich nicht die Vernehmungstaktiken der Polizei und das “Fallverstehen eines Mordes”.

Ich meine den Weg vom Bild zum Text. Ich habe bisher immer über den Weg vom Text zum Bild geschrieben.

Hier dreht sich nun alles um:

Eine Fotografie hält Spuren der (vergangenen) Wirklichkeit fest … (Oevermann). Eine Fotoanalyse richtet sich somit vor allem auf nonverbales Geschehen, das mit Hilfe von Vertextung zum Sprechen gebracht wird.”

Und wenn man es wissenschaftlich oder auch einfach so betrachtet, muß man wissen, unter welchen Bedingungen ein Foto entstanden ist und “in welche Fotokultur es eingeordnet werden kann.”

So kommen wir zu den sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie – in diesem Fall bei der Polizeiarbeit in Deutschland.

Und dann muß man den Spuren folgen.

Damit wäre ich im Buch bei dem Kapitel “Spurentextrekonstruktion I – Zum Phänomen der Spur”, das ich ganz faszinierend finde.

Und daher finde ich auch, daß es sich lohnt sich dieses Buch selbst durchzulesen, damit sie den Spuren in diesem Buch folgen können und etwas über Fotografie, Wissenschaft und Polizeiarbeit entdecken.

Denn es gibt eine Schnittmenge, aber die drei Bereiche sind eben nicht deckungsgleich.

Das Buch ist im Verlag Barbara Budrich erschienen.

Hahn, Sandra
Vom Tatort zum Täter – was Fotografien verraten
Die Methode der Spurentextrekonstruktion. Verlag: Budrich UniPress

978-3-86388-061-3
Erscheinungsjahr: 1/2015
256 Seiten
Sprache: DE