Rezension

Published on November 19th, 2014 | by Michael Mahlke

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Modell Deutschland? Nein Danke! von Guillaume Duval

Das ist schon ein bemerkenswertes Buch!

Steigen wir einfach mal in das Buch ein.

Wußten Sie, daß von Sarrazins erstem Buch „Deutschland schafft sich ab“ mehr als 1,3 Millionen Exemplare verkauft wurden?

Bei uns wird so etwas totgeschwiegen. Die Franzosen merken es und gehen damit anders um. Guillaume Duval schreibt dies alles völlig offen und frei auf wie das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.

Aber es ist eben kein Märchen.

Während es in Frankreich schon lange eine nationalistische Partei gibt, die regen Zulauf hat, wird in Deutschland immer noch so getan als ob der 2. Weltkrieg heute noch die ungezügelte Einwanderung rechtfertigt.

Daher sieht der Franzose Guillaume Duval sehr offen, daß Deutschland versucht Probleme nicht zu sehen, die woanders offen diskutiert werden. Frankreich ist nicht europafeindlich und ein Einwanderungsland, aber eher an einem Europa der nationalstaatlichen und kulturellen Akzeptanz orientiert.

Deutsche Politiker glauben eher mit ihrem Volk alles machen zu können. Und anscheinend haben sie recht.

Das Buch ist deshalb so politisch, weil die Politik uns gerade verkaufen will, daß Frankreich kein „Musterknabe der EU“ ist und in Deutschland von politischer Seite darauf so viel Wert gelegt wird.

Die wenigsten Deutschen sprechen Französisch und die wenigsten Franzosen sprechen Deutsch.

Dennoch ist Frankreich viel stabiler und auf eigenes Denken und Handeln bezogen wie Deutschland. Das merkt man gerade. Und viele Deutsche verstehen es nicht, weil sie gar nicht wissen, warum die Franzosen keine braven Deutschen sein wollen.

Und deshalb ist dieses Buch eine wunderbare sachliche und verbale Einführung in das Denken verschiedener Nationen, welche uns zeigt, warum Europa durch Gleichmacherei verlieren wird und die Väter Europas mehr Horizont für die Menschen besaßen als viele Politiker heute.

Völlig unverkrampft nimmt Duval dann auch Sarrazins Bucherfolg als Symptom dafür, daß es unter der deutschen Oberfläche brodelt und benennt das, was hier als politisch blinder Fleck gilt.

Wußten sie, daß insbesondere die letzten französischen Könige sehr wirtschaftsliberal waren?

Und wußten Sie, daß man in Deutschland ebenso wirtschaftsliberal ist wie die französischen Könige es waren?

Nein?

Dann wird es Zeit, sich damit doch einmal zu beschäftigen.

Guillaume Duval zeigt auf, daß Deutschland nie eine sozialdemokratische Wirtschaftspolitik hatte und gerade der Sozialdemokrat Schröder und der Grüne Fischer mit ihrem Tross die schlimmsten amerikanischen Übel lostraten.

Davor ist Frankreich bis heute bewahrt worden.

Die französische Sozialpolitik hat mehr für die Familie und die Gleichstellung der Frauen getan als in Deutschland bis heute getan wurde (von der DDR einmal abgesehen in dieser Frage).

Viele Seiten vorher vergleicht Duval sehr genau das System der Mitbestimmung in Deutschland und Frankreich.

Die Rolle der Gewerkschaften in den Betrieben ist in Frankreich anders und stärker als in Deutschland. Wenn er von den Rechten der Betriebsräte in Deutschland spricht und der Mitbestimmung in Aufsichtsräten, dann wird schnell deutlich, daß dies auch in Deutschland keine wirkliche Mitbestimmung ist, weil in Aufsichtsräten der Vorsitzender aus dem Arbeitgeberkreis immer die zweite Stimme hat, wenn es unentschieden ist (außer in der Montanindustrie, die aber fast nicht mehr existiert).

Daher gewinnt die Arbeitgeberseite immer – nur anders als in Frankreich.

Es ist eher ein Disziplinierungsinstrument. Duval sieht in dem Zwang zum Dialog in Aufsichtsräten und mit den Betriebsräten aber einen Vorteil des deutschen Modells, weil Corporate Governance eben nicht ausreicht und der Zwang zum Dialog in deutschen Unternehmen durch gesetzliche Beteiligung von Arbeitnehmern nicht zu „fixen Ideen“ im Management führt. Allerdings bezweifle ich, daß die „Gegenmacht“ von der er spricht, wirklich vorhanden ist.

Wie auch immer.

Wenn er über Gewerkschaften schreibt und den Erfolg von Frau Merkel, dann finden wir ebenso bemerkenswerte Sätze: „Länder wie Bayern oder Baden-Württemberg waren somit paradoxerweise lange Zeit sowohl traditionelle Bastionen der Christdemokraten als auch Hochburgen der IG Metall.“

Und weiter schreibt er: „Außerdem ist der Staat gemäß der ordoliberalen Logik auf ein Minimum reduziert worden und greift sehr wenig in die Wirtschaft ein… Kann dieser Minimalstaat ein Deutungsmodell für den Erfolg der deutschen Industrie sein?“

Und dann kommt es dick.

Ich möchte es einmal in meinen Worten ausdrücken, man findet es bei ihm ab Seite 111.

Ein Land,

  • das wenig für die Verteidigung ausgibt,
  • das wenig für Kinderbetreuung ausgibt,
  • das wenig für öffentliche Einrichtungen ausgibt,
  • das wenig für die Abschaffung der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ausgibt,
  • das eine der niedrigsten Investitionsraten in Infrastruktur, Transport und Unterhaltung öffentlicher Gebäude hat,
  • das nicht einmal die Abnutzung des Bestandes kompensiert,

– wie lange geht das gut?

„Sicherlich ist Deutschland keine Ruine, doch eine solche Politik wird nicht lange Zeit ungestraft bleiben…“ um es in seinen Worten auszudrücken.

Merkel und Schröder haben mit ihrer Agenda2010-Politik die Reichen reicher gemacht, die Reserven Deutschlands den Banken gegeben und leihen sich nun von denselben Leuten gegen Zinszahlungen und staatliche Sicherheiten das Geld wieder statt einfach Steuern auf diesen Reichtum und Spekulationsgewinne zu erheben und zu Gunsten der Armen umzuverteilen.

Der letzte Satz steht so nicht im Buch, aber dafür habe ich ihn so aufgeschrieben, damit klar wird, wie deutlich viele Franzosen sehen, wohin Deutschland treibt.

Deutsche Politik ruiniert das eigene Land und schafft immer mehr soziales Elend unter denen, die hier leben und hier arbeiten und das wollen die meisten Franzosen bei sich nicht. Deshalb ist Deutschland auch kein Modell mehr für soziales Miteinander und wenig Armut sondern nur noch ein Modell für die Reichen und deren Vertreter in CDU und SPD und den kleinen FD-Parteien.

Diese asoziale Politik  hat ein Gesicht: Gerhard Schröder. Das Ergebnis seiner Politik sieht so aus: „Sie hat die Deutschen verarmen lassen, ihre Staatsverschuldung verschärft, dem Land dringend notwendige Investitionen entzogen und spekulative und riskante Anlangen im Ausland verursacht, die viele Deutsche einen beträchtlichen Teil ihrer Ersparnisee kosten werden.“

Und so zeigt uns Guillaume Duval kenntnisreich, warum die Franzosen sich nicht auf etwas einlassen werden, was solche sozialen Katastrophen auch in Frankreich herbeiführt.

Die soziale Gegenwart gibt Herrn Duval völlig recht wie wir gerade in Deutschland sehen. Aber merken will es keiner und wir hören jeden Tag in den Medien, daß Frankreich doch endlich seine „Hausaufgaben“ machen soll.

Vielleicht sollten wir Deutsche einfach mal bei unserem Nachbarn in Frankreich abschreiben.

Vielleicht entsteht dann etwas, das gut für die Menschen, gut für Europa und gut für die deutsch-französische Freundschaft ist.

Das Buch ist im VSA-Verlag erschienen.

Guillaume Duval

Modell Deutschland? Nein Danke!

Französische Anregungen für die Zukunft Europas und seiner Industrie
Herausgegeben und mit einem Vorwort
von Detlef Wetzel und Jörg Hofmann
sowie einem Nachwort von Henrik Uterwedde

216 Seiten | 2014 | EUR 16.80
ISBN 978-3-89965-617-6

 

 

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About the Author

Der Autor ist studierter Historiker, Sozialwissenschafter und Pädagoge und war u.a. Leiter einer privaten Wirtschaftsschule und Geschäftsführer einer sozialen Organisation. Er coachte viele Jahre Menschen, Schwerpunkte waren Übergänge, Arbeit und Alter, Konfliktbewältigung und neue Medien. Er arbeitet als Dokumentarfotograf und Publizist, früher offline als Autor diverser Bücher, Fachvorträge und Artikel und seit ca. zehn Jahren in den Online-Medien (Texte, Fotos, Multimedia).



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