Rezension

Published on November 14th, 2018 | by Michael Mahlke

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Kulturschock Islam von Susanne Thiel

Das Buch greift mitten rein.

Es ist erfrischend direkt und klar und zeigt, daß es immer konkret wird, wenn wir über „den“ Islam sprechen, den es so monolithisch nicht gibt.

Susanne Thiel hat ein Buch geschrieben, das eigentlich beim Besuch arabischer Länder ein Leitfaden sein soll. Daher holt sie die Leser da ab, wo die Menschen in muslimischen Ländern stehen – gedanklich, religiös und sozial.

Das ist besonders gut, weil viele Menschen ja plötzlich mit ihren Vorstellungen im Kopf hier vor der Tür stehen und es da sehr viele Differenzen im kulturellen Denken gibt.

Deutlich wird, daß es nicht „den“ Islam gibt sondern dieser so weit verbreitet ist wie die jeweilige Glaubensrichtung Einfluß hat. Alle beziehen sich auf den Koran, eine Sammlung von Schriften, die je nach Interesse verschieden gedeutet wird. Aber schon die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten zeigt, daß Glaube immer mit glauben zu tun hat und der Überzeugung recht zu haben, den rechten Glauben zu haben … – die Mutter aller Konflikte.

Das Buch selbst geht in die Praxis.

Zunächst werden Schlüsselwörter erläutert und dann populäre Fragen beantwortet, die sich aus der Lebenspraxis ergeben. Das ist wirklich gut.

Kinder sind ein Geschenk Gottes und je mehr Kinder da sind, desto besser, ist ein Kernelement im islamischen Denken, lernen wir bei Frau Thiel.

Das führt natürlich dazu, daß man sich mit diesem Ansatz in Deutschland wie im Himmel fühlt, weil man hier durch Kinder einen relativ hohen Lebensstandard erzeugen kann ohne sozialversichert zu arbeiten, denke ich mir so dabei.

Was bei uns als soziale Absicherung für Frauen gedacht war, die alleinerziehend, selbständig, emanzipiert und freiheitsliebend hier aufgewachsen und entsprechend christlich sozialisiert sind und arbeiten wollen, verdreht sich in der Praxis dann ins Gegenteil und führt z.T. dazu, Großfamilien im deutschen Sozialsystem mit muslimischen Werten aufzubauen, denen eigene Arbeit in unserem Sinne fremd ist – nicht nur aber oft.

„Die Geschlechterpolitik nahm und nimmt in den Reformversuchen der Vergangenheit und Gegenwart in den unterschiedlichsten Ländern eine Schlüsselposition ein… Die Geschlechtertrennung ist ein zentrales Strukturprinzip mancher islamischer Gesellschaft. Hinderlich für die Gleichberechtigung und Emanzipation der Frauen ist, dass sie kaum Zugang zur Männersphäre haben, die gleichzeitig auch die Öffentlichkeit darstellt“, schreibt Frau Thiel.

Und weiter: „Die Zuordnung der Frauen in den privaten Bereich der Gesellschaft mit den ihr eigenen Macht- und Kontrollinstrumenten entzieht sie oftmals auch dem Zugriff durch Reform- und Modernisierungsversuche der Regierungen.“

Damit kommen wir zum Thema Kopftuch.

Frau Thiel schreibt dazu. „Die Auseinandersetzung zwischen Tradition und Moderne scheint immer wieder am Körper der Frau ausgetragen zu werden. Aufgrund der hohen symbolischen Aufladung sollen Frauen bis heute nicht selbst bestimmen können, welche Kleidung sie tragen… Frauenkleidung wird vorgeschrieben und reglementiert – und meistens geschieht dies durch Männer.“

Ab Seite 136 geht es dann um das Thema „Muslime in Deutschland.“

Es ist sehr empfehlenswert.

Sie zeigt auf, daß es eben nicht Verbände wie in den christlichen Kirchen gibt, die demokratisch organisiert sind und für alle sprechen, die dort Mitglied sind, sondern Muslime sind nur vor Ort in der Moschee verbunden. Daher sind alle politisch ernannten Muslimverbände mehr oder weniger politischer Popanz. Das entlarvt dann auch die ditib.

Später kommt Frau Thiel auch noch zum Thema Flucht und Vertreibung.

Das Buch von Frau Thiel hat aus meiner Sicht einige unbestreitbare Vorzüge. Es gibt Sicherheit im Umgang mit dem Islam, weil in dem Buch unglaublich viele Fakten zu finden sind und auch die dialogische Form, die Glossare und die vielen Lebensberichte weiterhelfen.

Es vereint irgendwie die Vorzüge eines Kochbuches mit einer populärwisschenschaftlichen Darstellung und einer kritischen Zusammenfassung mit eigenen Erfahrungen – toll!

Das Buch zeigt auch die Realität von Verschmelzung verschiedener kultureller Denkweisen und es zeigt, daß der Islam als Ideologie nicht ungefährlich ist, weil er im Kern immer noch den Anspruch hat, religiöse Machtstrukturen vor staatliche Machtstrukturen zu setzen.

Das Buch öffnet die Augen und schärft den Verstand, um besser mit islamischen Themen umzugehen und sich auch klar abgrenzen zu können von Themen vor der Aufklärung und der Menschenrechte, die nur Machtstrukturen verfestigen wollen wie Ehre, Familie, Verhüllung und vieles mehr. Es sind wohl nur Worthülsen, um die Freiheit des Einzelnen und die Grundrechte zu beschränken.

Identität entsteht durch Abgrenzung und setzt Begegnung voraus. Die Realität der Welt zeigt, daß der Kampf der Religionen bis heute nicht beendet werden konnte. Insofern besteht die Herausforderung darin die Religion als Waffe im Kampf um Macht zu sehen und zu verstehen ohne das Miteinander zu vermeiden, denn das Soziale ist Chance und Schicksal der Menschen, ob wir wollen oder nicht.

Der tiefe Glaube an Gott ist im Islam ebenso vorhanden wie im Christentum. Aber sobald ich in die Kirche oder die Moschee gehe erzählen mir andere das, was aus ihrer Sicht für mich gut ist. Und schon sind wir mittendrin in der Herausforderung, welche Werte wir leben, warum wir in einer Demokratie leben, welchen Einfluss religiöse Werte auf unser persönliches Verhalten haben etc.

Das Buch Kulturschock Islam von Susanne Thiel ist im Reise Know-How Verlag Peter Rump erschienen und eine unglaublich gute Quelle für einen realitätsnahen Umgang mit dem Islam aus westlicher Sicht. Das würde ich mir auch für andere Religionen in dieser Form wünschen.

Susanne Thiel

KulturSchock Islam
KulturSchock
ISBN: 978-3-8317-2968-5
Seiten: 264
Auflage: 1. Auflage 2018

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About the Author

Der Autor ist studierter Historiker, Sozialwissenschafter und Pädagoge und war u.a. Leiter einer privaten Wirtschaftsschule und Geschäftsführer einer sozialen Organisation. Er coachte viele Jahre Menschen, Schwerpunkte waren Übergänge, Arbeit und Alter, Konfliktbewältigung und neue Medien. Er arbeitet als Dokumentarfotograf und Publizist, früher offline als Autor diverser Bücher, Fachvorträge und Artikel und seit ca. zehn Jahren in den Online-Medien (Texte, Fotos, Multimedia).



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