Fachbuch

Published on März 22nd, 2016 | by Michael Mahlke

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Interkulturelles Training in einer Einwanderungsgesellschaft

„Bei einem Kopftuch handelt es sich um kein Tabu, sondern um ein arbeitsmarktrelevantes Merkmal, weshalb dies offen anzusprechen ist und die Konsequenzen darauf für die Ausbildungs- und Arbeitssuche klar und angemessen zu thematisieren sind.“

So lautet ein Satz aus dem Fallbeispiel 1 des Buches „Interkulturelles Training: 55 Fallbeispiele für den öffentlichen Dienst“.

Es geht in dem Buch nicht um Deutsche mit mitteleuropäischer Sozialisation sondern um Menschen aus anderen Kulturen.

Der Bertelsmann Verlag weist auf folgendes hin: „Die Fallsammlung ist für die Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten des öffentlichen Dienstes aufbereitet und kann direkt eingesetzt werden.“

Unterteilt in die Bereiche beschäftigungsorientierte Beratung, Kommunalverwaltung, Kontext künstlerischen Schaffens und Polizeivollzugsdienst werden hier Fallbeispiele dargestellt und danach thematisiert.

„Frau Adzovic steht unter dem Verdacht, Ladendiebstahl begangen zu haben… Polizeibeamter Jan Schuster will die Vernehmung durchführen. Er ordnet noch einmal die Papiere… Als er mit der Vernehmung beginnen möchte, reißt Frau Adzovic blitzschnell ihre Oberbekleidung weg, holt ihre Brüste heraus und spritzt Herrn Schuster ihre Muttermilch direkt ins Gesicht.“

Was tun?

Die Autorinnen Bettina Franzke und Vitalia Shvaikovka bieten jeweils eine Lösungsskizze und weiterführende Hinweise an.

Alle Fälle sind aufgrund von Schilderungen in Seminaren oder Befragungen aus der Praxis gesammelt worden und in dem Buch verarbeitet worden.

Das Buch ist für Qualifizierungen im öffentlichen Dienst gemacht worden und da passt es auch gut hin. Die Fälle versuchen, ein Gefühl für interkulturelle Differenzen zu vermitteln und sind gut als Lehrbeispiele in Gruppen als Arbeitsgrundlage geeignet.

Sie sind ergebnisoffen aber liefern vielfach Orientierung. Letztlich geht es auch darum, daß sich die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst in solchen Situationen nichts zu schulden kommen lassen und mehr Verständnis hilft, manche Situation klüger zu durchleben.

Verständnis scheint mir daher das Schlüsselwort für dieses Buch zu sein.

Aber das reicht natürlich nicht.

Wenn wir bei den Fällen bleiben, die ich angesprochen habe, dann sitzen ja manche Probleme tiefer.

  • Wer hier lebt und den Sozialstaat gerne in Anspruch nimmt und dann mit Kopftuch eine Ausbildung im Einzelhandel sucht, der weiß, daß er sich mit dem Kopftuch abgrenzt von Offenheit und Kommunikation. Verkaufen hinter Schleiern und mit Kopftuch und dann im Einzelhandel ist bei uns in einem offenen Land sehr schwierig, es sein denn man sucht den Einstieg in die Parallelgesellschaft.
  • Und wer einen Ladendiebstahl begangen hat und erwischt wurde, der weiß ja, daß dies bei uns kaum verfolgt wird. Die Reaktion dem Polizisten gegenüber kann dann auch als Ausdruck von Respektlosigkeit und nicht strafbarer Beleidigung gesehen werden. Vielleicht weiß die Dame ja, daß das Bespritzen mit Muttermilch wohl kaum strafrechtlich verfolgt wird. Da sie bei uns sowieso kurz danach nach Hause geschickt wird, ist dies alles letztlich nur ein Fall, der dazu führt, daß der Polizist sich durch das interkulturelle Training wenigstens so rechtssicher verhält, daß er nicht noch hinterher der Dumme ist.

Insofern ist das Buch wirklich gut.

Es lebt von der Beschränkung auf dieses genau abgegrenzte Gebiet. Dabei bedeutet interkulturell hier mit Migrationshintergrund, ein Kunstwort ohne echten Sinn jenseits der Verwaltung.

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit des aktuellen Sozialsystems (Hartz4) wird hier nicht gestellt sondern es wird im Rahmen eines kafkaesken Systems gedacht und argumentiert.

Das Buch ist nur für Behördenmitarbeiter in Seminaren nutzbar, weil diese allein dafür da sind, Gesetze anzuwenden und nicht zu hinterfragen.

Wie man da in solchen Situationen durchkommt und wie man dafür in diesem Rahmen sensibilisiert werden kann, dafür liefert das Buch gute Arbeitsgrundlagen.

Allerdings schreibe ich diese Buchrezension mit meinen Erfahrungen aus dem nicht-öffentlichen Bereich, also da, wo es um ausgelagerte Sozialisations- und Orientierungsseminare geht, die sowohl die Grundlagen unserer Verfassung als auch kaufmännische Erwartungshaltungen und erfolgreiche  berufliche Qualifizierungen umfassen.

Da hat man nicht die Vollzugsmöglichkeiten von Behördenmitarbeiter und man stößt oft an die Grenzen struktureller staatlicher Gewalt, wenn man Lösungsorientierungen umsetzen möchte.

Nun gut, dafür kann dieses Buch nichts.

Ich würde es im Seminar einsetzen und finde es gut.

Es ist im WBV-Verlag erschienen.

Bettina Franzke, Vitalia Shvaikovska

Interkulturelles Training in einer Einwanderungsgesellschaft

55 Critical Incidents für die Arbeitsfelder Jobcenter, Kommunalverwaltung, Kunst und Polizei

ISBN 978-3-7639-5663-0

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About the Author

Der Autor ist studierter Historiker, Sozialwissenschafter und Pädagoge und war u.a. Leiter einer privaten Wirtschaftsschule und Geschäftsführer einer sozialen Organisation. Er coachte viele Jahre Menschen, Schwerpunkte waren Übergänge, Arbeit und Alter, Konfliktbewältigung und neue Medien. Er arbeitet als Dokumentarfotograf und Publizist, früher offline als Autor diverser Bücher, Fachvorträge und Artikel und seit ca. zehn Jahren in den Online-Medien (Texte, Fotos, Multimedia).



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