Rezension

Published on Juli 25th, 2015 | by Michael Mahlke

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Die Vermessung des Bürgers von Thomas Petersen

„Wie Meinungsumfragen funktionieren“ ist der Untertitel dieses Buches. Thomas Petersen gelingt der Versuch, die Inhalte und die Grenzen der „Vermessung“ darzustellen.

Umfrageergebnisse sind heute die beliebtesten täglichen Waffen in der Politik,  um damit in den Medien und in den Köpfen der Menschen eigene Interessen umzusetzen.

Schnell wird deutlich, daß Umfragen und Statistiken am ehesten noch nutzbar sind, wenn es um Fakten geht.

„Was passiert wenn man hundert mal hundert Nüsse aus dem Sack zieht?“ Wenn der Sack richtig durchmischt ist, kann man damit die Frage beantworten, wie viele der Nüsse taub sind und erhält so ein repräsentatives Umfrageergebnis. Das ist dann die Gaußsche Normalverteilung.

Das stimmt sicherlich so lange es um taube Nüsse geht. Anders wird es, wenn es um Meinungen und Einstellungen geht.

Dann zieht man nicht mehr Nüsse aus dem Sack sondern versucht, Informationen aus dem Mund der Befragten zu sammeln.

Das ist etwas anderes.

Daher wendet sich Petersen auch dem Problem des Fragens zu und zeigt ausführlich, wie nur ein Wort in einer Frage alles ändern kann.

Er berichtet ausführlich darüber, wie versucht wurde, auch bei ihm Umfragen zu beauftragen, die die Ergebnisse herbeiführen, die der Auftraggeber gerne hätte. Er hat natürlich abgelehnt, aber das läßt tief blicken.

Auf Seite 109 kommt das Thema „Warum die Armutsstatistik nichts über Armut aussagt“.

Der Autor schreibt: „Da die Armutsgefährdung nicht an äußeren Kriterien wie beispielsweise den Lebenshaltungskosten… gemessen wird, bedeutet das, wenn alle Deutschen … tausend Euro mehr im Monat verdienen würden, die Quote … gleich bliebe.“

Was ist denn Armut, was ist Reichtum?

Leider sagt der Autor nicht, ab wann es „Armut“ gibt und welche „harten“ Kriterien er anlegen würde in Umfragen und zum Messen. Aber das will er auch gar nicht. Ihm geht es darum  die Prinzipien der Umfrageforschung nahe zu bringen.

Deutlich wird nach dem Lesen dieses Buches, daß jedes Umfrageergebnis in den Medien, welches mit den Worten beginnt „Die Mehrheit der Deutschen ist der Meinung …“ eigentlich mit Sicherheit keine wirklich repräsentative Umfrage sein kann, weil weder der Zusammenhang der Aussage noch die Inhalte eindeutig und klar dargestellt werden.

Es gelingt dem Autor, dem Leser diese aktuell herrschenden Prinzipien der Umfrageforschung anschaulich nahe zu bringen.  Das Buch hört dann an der Stelle auf, wo die Antworten anfangen.

Jede Befragung ist eine soziale Beziehung.

Das steht nicht bei Petersen sondern das wissen wir spätestens seit den Untersuchungen von Pierre Bordieu.

Und damit setze ich auch dieses Buch in Relation dazu, weil Petersen da aufhört, wo Pierre Bordieu anfängt.

Wer im Anschluß daran Pierre Bordieu liest, der sieht, wie eindeutig zweideutig die Befragungen sind und wie sie als Macht- und Manipulationsinstrumente erster Wahl heute genutzt werden.

Das Buch ist bei UVK erschienen und sehr empfehlenswert.

Thomas Petersen, Die Vermessung des Bürgers

ISBN 978-3-86764-550-8

 

 

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About the Author

Der Autor ist studierter Historiker, Sozialwissenschafter und Pädagoge und war u.a. Leiter einer privaten Wirtschaftsschule und Geschäftsführer einer sozialen Organisation. Er coachte viele Jahre Menschen, Schwerpunkte waren Übergänge, Arbeit und Alter, Konfliktbewältigung und neue Medien. Er arbeitet als Dokumentarfotograf und Publizist, früher offline als Autor diverser Bücher, Fachvorträge und Artikel und seit ca. zehn Jahren in den Online-Medien (Texte, Fotos, Multimedia).



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