Die Elenden von Anna Mayr

Gut gemacht, gut geschrieben und gut zu lesen. So könnte man Stil und Inhalt des Buches zusammenfassen.

„Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht“ lautet der Untertitel deses Buches.

Nun also die Kinder.

Als der Kampf gegen Hartz 4 und die Agenda 2010 begann und in den Jahren danach schrieben vor allem die, die es verhindern wollten, über das, was passieren wird.

Und jetzt schreiben die Kinder der Eltern, die politisch gewollt darin aufwachsen mußten.

Frau Mayr geht dabei sehr klug vor.

Sie schildert Zusammenhänge wie das Armenwesen früherer Jahrhunderte mit den ideologischen Grundlagen und welche soziale Funktion dies alles hatte und hat.

Was das Buch sehr interessant und besonders macht, sind die persönlichen Auswirkungen und Wirkungen, die sie schildert. Dabei benutzt sie ihre Person und schildert die vielen kleinen sozialen Situationen, die Menschen durch verbale und strukturelle Zuordnungen aussortieren und einsortieren.

Das Buch ist ein großer Wurf, der ins Schwarze trifft, weil er aus Sicht einer Betroffenen dokumentiert, was hier an sozialem Wandel geschehen ist und wie die vorhandenen Strukturen dies alles bereitwillig akzeptieren.

Frau Mayr ist ca. 30 Jahre nach mir geboren. Während ich beginnend bei Demonstrationen vor Hartz 4 bis zu den Montagsdemos nach der Einführung von Hartz 4 dagegen ankämpfte, letztlich scheiterte und erlebte wie die, die davon nicht betroffen waren – und das waren zu Beginn viele – sich lieber um Privates kümmerten, ist sie in diesem System aufgewachsen.

Sie gehört zu denen in Deutschland, die als deutsche Staatsbürgerin nun aktiver Teil dieses Landes ist.

Das Buch ist für jemanden wie mich auch besonders interessant, weil sie schildert,  wie verbale Etiketten auf Menschen geklebt werden.

Wenn sie schreibt, wie Menschen als „Hartz4-Nazis“ benannt werden aus Sicht von Nicht-Betroffenen, dann fällt mir sofort ein, daß Hartz4 ja genau auf den Gedanken der Nazis aufgebaut ist. Es ist das Spiel, in dem die Opfer zu Tätern gemacht werden und die Täter zu Opfern werden wollen.

Für mich war damals erschreckend, wie schnell die meisten Menschen in Deutschland dieses System akzeptierten und weder den Verstoss gegen die unveräußerlichen Grundrechte des Grundgesetzes sehen wollten noch etwas dagegen unternahmen. So stellte ich mir die Machtübernahme durch die Nazis vor, wo bereitwillig sofort umgesetzt wurde, was von oben kam, ohne es zu hinterfragen.

Das alles hat Frau Mayr nicht erleben können, daher habe ich es hier noch mal aufgeschrieben.

Aber ihr Buch ist so gut, weil sie es schafft, einerseits mit kritischer Distanz und analytischem Verstand zu schreiben und andererseits sich selbst in dieser neuen Welt zu verorten und auch einzuordnen. Sie zeigt dadurch auch sehr gut, daß es keine einfachen Antworten gibt und die Revolution ausfällt.

Denn wer sollte ein Interesse an der Abschaffung dieses Systems haben?

In Deutschland regieren die, die dieses System eingeführt haben und bis heute damit als Waffe leben. Und die, die darin leben müssen, sehen dies je nach Interesse sehr unterschiedlich.

Ich bin mir aber sicher, daß das Buch von Frau Mayr in die Geschichte der sozialkritischen Literatur eingehen wird, weil es einfach zu gut ist, um darüber schweigend hinwegzugehen. In dem Buch steckt noch viel mehr.

Und es ist ein Lesegenuss, das kommt noch hinzu.

Es ist in den Hanser Literaturverlagen erschienen.

Anna Mayr

Die Elenden

ISBN 978-3-446-26840-1

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