Geschichte

Published on Mai 6th, 2012 | by Michael Mahlke

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Der Preis der Freiheit, Geschichte Europas in unserer Zeit von Andreas Wirsching

Bücher zur Zeitgeschichte sind bei ihrem Erscheinen immer schon überholt. Und gerade dies macht ihren Reiz aus, weil sie die Lebendigen in ein Verhältnis zum aktuell Geschehenen setzen.

So ist der Historiker Zeitgenosse und Forscher zeitgleich. Das gilt natürlich auch für das Buch von Andreas Wirsching.

Das spricht nicht gegen das Buch sondern zeigt das Spannende an zeitgeschichtlichen Büchern. Sie zeigen, wie und wo die Grenzen historischer Forschung verlaufen und den Stellenwert von Geschichte in den politischen Debatten.

Um solche Bücher sachgerecht zu rezensieren greife ich gerne auf die Wirkung eines solchen Buches bei den interessierten Zeitgenossen zurück. Denn so zeigt sich, wie das Buch wirkt und wozu es benutzt werden soll.

Fangen wir also mit der Wirkungsgeschichte des Buches an!

Beim swr wurde das Buch sehr ausführlich rezensiert und Andreas-Puff Trojan kommt zu dem Schluss, „es ist vielmehr ein Einübungsbuch, um sich als Europäer für die Zukunft zu wappnen: Krisenbewältigung und Einigungsprozess sind die zwei Seiten der einen europäischen Medaille. Und das Wort „Freiheit“ bekommt eine komplexe, immer neu zu erfassende Bedeutung.“

Walter Laqueur schreibt in seiner Rezension mit der Überschrift „Alles wird gut in Europa“ folgendes: „Nur muss man wissen: Ein Buch über die Geschichte Europas in der Gegenwart, geschrieben von einem englischen, französischen oder italienischen Autor, würde skeptischer ausfallen. Es mag noch so viel Konvergenz und Angleichungen der Lebensformen geben – wer darüber schreibt, nimmt die Perspektive seines Landes ein.“

Das Neue Deutschland kommt zu dem Schluss: “ Der Haupteinwand ist jedoch prinzipieller Natur. Wirsching begreift das historische Geschehen (und das zeichnet ihn aus) in dialektischer Sicht generell als Aufeinanderprallen widersprüchlicher Erscheinungen, dessen Ausgang offen ist – allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung. Für ihn existiert in Europa eine alle diese Auseinandersetzungen und Entscheidungen dominierende »strukturelle Pfadabhängigkeit, das heißt: Politische Aufgaben (und Krisen) können nur mittels jener Elemente und im Rahmen jener Institutionen gelöst werden, die der historische Pfad bereits zur Verfügung gestellt hat.« Im Laufe ihrer langen Geschichte haben indes die Völker Europas an historischen Wendepunkten wiederholt neue Pfade eingeschlagen. Dies nicht zu sehen, für die nähere oder fernere Zukunft radikale, nicht systemkonforme Alternativen zum profitorientierten, die sozialen Gegensätze verschärfenden, umweltzerstörerischen heutigen Turbokapitalismus mit Verweis auf eine »Pfadabhängigkeit« auszuschließen, führt zu einem apologetischen Umgang mit Geschichte. Was, wenn die mündigen Bürger nicht auf Dauer bereit sind, den ihnen im Buchtitel abverlangten »Preis der Freiheit« zu bezahlen?“

Und der Tagesspiegel berichtet über Berliner Historiker, die sich dieses Buches angenommen haben und stellt dabei fest: “ Weniger gnädig geht die Jury mit den Büchern ihrer Zeitgenossen um. Die Geschichte Europas „Der Preis der Freiheit“, geschrieben vom neuen Chef des Münchner Instituts für Zeitgeschichte Andreas Wirsching, hat einen schweren Stand. In dem Überblick kämen Menschen kaum vor. Europa werde nicht hinreichend definiert und man erfahre überhaupt wenig Neues, so die harsche Kritik an dem Werk, das der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler jüngst regelrecht bejubelte. Als die Sprache auf den Bielefelder Emeritus kommt, der für die neue Historikergeneration offenkundig immer noch als übermächtige Vaterfigur zur Abgrenzung taugt, hat man denn auch zeitweise den Eindruck, dass dessen Rezension gleich mit zur Debatte steht. Stefanie Schüler-Springorum lobt immerhin den Mut des Münchners zur interkontinentalen Vogelperspektive, doch Baberowski bleibt unnachgiebig: Das ehrgeizige Ziel vieler Historiker, die Geschichte des ganzen Kontinents zu schreiben, sei schon deswegen zum Scheitern verurteilt, weil niemand mehr als drei Sprachen spräche. „Der Preis ist die Oberflächlichkeit!“, donnert er.“

Wer googelt, wird sicher noch mehr Rezensionen finden. Diese Rezeption in Fachkreisen und in den Medien zeigt schon, dass sich dieses Buch lohnt.

Man wird Andreas Wirsching kaum als linken Spinner bezeichnen können. Wenn wir dann auf Seite 229 lesen, dass der Prozess der Globalisierung keineswegs ein ungesteuerter Prozess war, „der die westliche Politik gleichsam wie ein Naturereignis überkam“, dann gibt dies schon zu denken.

Dann schreibt Wirsching folgende Sätze: „Vielmehr trugen die Staaten und Regierungen aktiv dazu bei, die globale Wirtschaft durch Liberalisierung voranzutreiben, weil sie glaubten, damit die Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit am wirksamsten zu bekämpfen. Indem sie liberalisierten, dereguliserten und privatisierten, förderten die Regierungen nachhaltig die Macht des Marktes und erweiterten den internationalen Spielraum der großen Konzerne und Banken. Freilich bahnten sie damit selbst den Weg zu eben jenem staatlichen Souveränitätsverlust, den sie später um so heftiger beklagten.“

Hier ist die Schwelle der Vergangenheit zur Gegenwart und gerade solche Abschnitte machen aus diesem Buch eine wunderbare zeitgeschichtliche Dokumentation.

Die Unfähigkeit der aktuellen Politik, die Probleme der Staaten und der Menschen zu lösen, wird vielfach auf den Punkt gebracht.

Kann man aus der Geschichte lernen? Ja, wenn man will.

So wäre eine Folge dieser Aussage, dass der Bankensektor und viele andere Dinge reguliert werden müssten. Aber das Gegenteil ist der Fall wie wir gerade erleben. Die Völker sollen bluten für die Gewinne der Banken.

Das zeigt auch, dass Zeitgeschichte immer von Zeitgenossen geschrieben wird und die sehen die Zeit anders als ein Mensch, der Jahrhunderte später darauf blickt.

Eins zeigt das Buch sicher auf. Das Thema Freiheit ist einer der Schlüsselbegriffe der heutigen Zeit. Frei wovon und frei wofür wird weiter unsere Diskussionen bestimmen.

Es ging und geht in Europa um Reisefreiheit und Meinungsfreiheit und alle anderen bürgerlichen Freiheitsrechte. Zum Teil ging es auch um wirtschaftliche Mitbestimmung, dort, wo die Freiheit schon grenzenlos war.

In allen Fällen wurde Freiheit aus europäischer Sicht mit sozialer Sicherheit verknüpft, weil bürgerliche Freiheitsrechte nur mit sozialer Sicherheit existieren können. Das war die Erkenntnis in Europa nach dem 2. Weltkrieg als die Demokratie verankert wurde.

Die amerikanische Ideologie ist da vielfach anders und erst seit Obama wird soziale Sicherheit als Wesensmerkmal einer Demokratie diskutiert, wobei die Widerstände der Reichen und Mächtigen in den USA massiv sind, wie wir gerade erleben.

Genau hier begann dann die liberale Ideologie anzusetzen und meinte mit „Deregulierung“ vielfach nichts anderes als die Aussetzung oder Abschaffung sozialer Sicherheit. Vorreiter war nach England mit Margret Thatcher in Deutschland die Regierung Schröder.

Das Zauberwort „Markt“ wurde dabei komplett entzaubert. Je mehr Gesetze nichts mehr regelten desto mehr wurde dieser Markt von Großkonzernen und Banken besetzt, deren Ziel nicht das Gemeinwohl sondern ihr Wohl war. So zeigte sich auch, dass der Egoismus der Einzelnen am Markt sich nicht auf wunderbare Weise zum Wohle aller wandelt.

Dient die Wirtschaft der Gesellschaft oder dient die Gesellschaft der Wirtschaft? Die Antwort auf diese Frage zeigt viel über das Freiheits- und Demokratieverständnis des jeweiligen Landes.

Wenn sie wissen wollen, was den Unterschied – vereinfacht – zwischen einer Politik ausmacht, die die Wirtschaft in den Dienst der Gesellschaft stellt (Frankreich) und einer Politik, die die Gesellschaft in den Dienst der Wirtschaft stellt (Deutschland), dann kann man das an einfachen Merkmalen darstellen. Lesen sie einfach hier weiter.

Fast jeder Gedanke aus einem zeitgeschichtlichen Buch endet in der Gegenwart. Dadurch wird es Spiegel und Inspiration zugleich.

So ist dieses Buch über den Preis der Freiheit von Andreas Wirsching eine Quelle von Anregungen für die Auseinandersetzungen mit der Gegenwart und es wird ein strittiges Buch bleiben, weil die Quellenauswahl, die Darstellung und die Bewertungen so individuell sind wie der Autor.

Aber ich möchte noch einen Gedanken hinzufügen. Auch Wirsching ist Zeitgenosse. Wieso ist die Geschichte Europas in unserer Zeit vom Thema Freiheit beherrscht?

In meinen Augen ist es stärker das Thema Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und unserer sozialen Sicherheit – bedingt durch ein ungesundes und falsches Wirtschaftssystem und gekoppelt mit einer lähmenden Bürokratie.

Das hat wiederum viel mit Ideologie zu tun und Liberalismus und dem Preis für eine Freiheit, die private Gewinne über alles setzt. So könnte man den Schwerpunkt in der Geschichte Europas in unserer Zeit auch setzen. Aber das tut Wirsching nicht sondern ich. Es ist eben ein sehr anregendes und diskussionsförderndes Buch.

Das Buch ist bei C.H. Beck erschienen.

Wirsching, Andreas

Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit

ISBN 978-3-406-63252-5

Damit komme ich zum zweiten Teil der Rezension. Denn der Preis der Freiheit gilt auch für die Frage nach dem Recht zu zitieren und zu rezensieren. Aktuell wird über Urheberrechte, Vergütungsrechte und vieles mehr im Internet diskutiert.

Die vorliegende Rezension geht so vor, dass nach einer kurzen Einleitung zunächst die Rezeption des Buches mit vier verschiedenen Positionen dargestellt wird und danach eine wichtige Aussage des Buches von mir als Element des Übergangs von der Geschichte in die Gegenwart analysiert und diskutiert wird bevor ich zum Ende komme.

Seriöserweise zitiere ich einen Abschnitt aus der jeweiligen Rezension und verlinke darauf. Die Frage ist nun, ob man das zukünftig noch darf und ob ich für das Zitieren und/oder Verlinken dann Gebühren bezahlen muss.

Das würde natürlich zum endlosen Paraphrasieren führen mit allen Problemen einer exakten Wiedergabe und/oder nur noch zu isolierten Einzeldarstellungen ohne dass Themen wie eine Rezeption ohne das Zahlen einer Gebühr behandelt werden dürfen.

Insofern ist der Titel des Buches „Der Preis der Freiheit“ noch in einer ganz anderen Weise relevant. Es geht einfach darum welche Freiheit wir in Zeiten der vernetzten Welt wollen. Echte Freiheit oder bezahlte Freiheit und vor allem, Freiheit des Gedankenaustausches oder Orwells 1984.

Und deshalb ist es wichtig, dass wir den Preis der Freiheit heute neu definieren, gerade auch in Europa. Dazu gehört die Frage der Gedankenfreiheit ebenso wie die Frage der Netzfreiheit und die Frage der Kontrolle. Kontrollieren wir oligopolartige Anbieter wegen unseriöser Preisabsprachen oder überwachen wir die Menschen so wie es die Stasi nie geschafft hat.

In diesem Sinne ist diese Rezension Gegenwart und Zeitgeschichte zugleich und Teil des Prozesses, der die Frage beantwortet, welche Freiheit wir haben wollen.

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About the Author

Der Autor hat vor, während und nach dem Studium als Dozent in der Erwachsenenbildung gearbeitet, u.a. für die Bundeswehr, die Arbeitsagentur und das Gesamtdeutsche Institut. Er war Leiter einer privaten Wirtschaftsschule und Geschäftsführer einer sozialen Organisation und Berater für die Umsetzung von Arbeit und Alter in Arbeitsprozessen. Er organisierte betriebliche Umstrukturierungen, leitete Konferenzen, schrieb Reden und coachte bzw. begleitete viele Jahre Menschen und Gruppen. Schwerpunkte dabei waren Übergänge, Arbeit und Alter, Konfliktbewältigung und neue Medien. Er ist Publizist, Autor diverser Bücher, Fachvorträge und Artikel und seit ca. zehn Jahren in den Online-Medien unterwegs, erst mit Texten und nach Studien über Cartier-Bresson auch mit Fotos und diversen multimedialen Reportagen.



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