Fachbuch

Published on April 4th, 2013 | by Michael Mahlke

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Arbeitsleben 2025 von Jürgen Tempel, Juhani Ilmarinen, herausgegeben von Marianne Giesert

„Das Haus der Arbeitsfähigkeit im Unternehmen bauen“ ist der Untertitel dieses Buches. Es ist ein Sammelband mit Beispielen, Arbeitsmaterialien und Vorschlägen, die auf einem „ganzheitlichen Konzept“ (Hans-Joachim Fuchtel) beruhen, um zukunftsfähige Betriebe mit zukunftsfähigen Mitarbeitern zu erhalten.

„Menschen können auf Dauer nur gute Arbeit leisten, wenn sie selber über gutes Wohlbefinden und gute Lebensqualität verfügen.“ Dieser Gedanke aus der Einleitung steckt hinter den Wegen durch die Arbeitswelt, die hier aufgezeigt werden.

Dieser Gedanke wird durch einen zweiten ergänzt: „Das Durchschnittsalter der verfügbaren Arbeitskräfte wird in den kommenden Jahren deutlich ansteigen.“ Dies ist natürlich auf die staatlichen Zwangsmaßnahmen des späteren Renteneintrittsalters und der hohen Rentenkürzungen zurückzuführen.

Und so versucht das Buch an Beispielen, die in den letzten zehn Jahren umgesetzt worden sind, zu zeigen, wie man das Haus der Arbeitsfähigkeit mit arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen, mit entsprechender Unternehmenskommunikation und vielen anderen Dingen umsetzen kann. Es zeigen sich große Unterschiede zwischen einer öffentlichen Verwaltung und einem privaten Unternehmen und es zeigt sich, dass es erheblich auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen ankommt.

Wenn in dem Buch die „Babyboomer“ aufgegriffen werden als diejenigen, die in den deutschen Unternehmen aktuell den Kern der Betriebe bilden, dann wird sehr deutlich, wie wenig unsere Gesellschaft sich ernsthaft mit der Arbeitswelt beschäftigt hat.


Sehr interessant finde ich zum Beispiel den Hinweis, dass die Menschen, die zwischen 1946 und 1965 geboren wurden, von Eltern erzogen worden sind, die alle mehr oder weniger Kriegskinder waren. Der bewußte Blick darauf ermöglicht weitere Zusammenhänge.

Die Kriegsgeneration bekam für ihre „seelischen Verstörung“ kaum Hilfe. Und die Kinder von damals, die den Kern der Unternehmen in Deutschland heute bilden, bewerten Arbeit laut diesem Buch anders. Eigene Bedürfnisse werden wichtiger und die Arbeit auch, so dass im Umkehrschluß Arbeitsplatzverluste existenzielle Bedrohungen sind, eine Art sozialer Krieg.

Einen großen Teil nimmt das Kapitel „Der Balance ein Maß geben“ ein. Hier geht es darum, wie ich mit Fragebögen, Stichproben und Gesprächen Aussagen machen kann über Belastungen, Ressourcen und vieles mehr.

Man sieht an vielen Stellen in dem Buch, dass es auch darum geht, das alte Paradigma des Menschen als funktionierende Maschine aus den Köpfen zu bekommen, weil dies weder dem menschlichen Leben noch einem gesunden Unternehmen entspricht – wenn man ein Unternehmen als soziale Veranstaltung versteht.

Zudem zeigt sich in dem Buch auch, wie die kleine aber feine Differenzierung zwischen Lebenszyklus und Lebenslauf zu völlig unterschiedlichen Denk- und Handlungsstrategien in der Arbeitswelt führt.

So bietet das Buch einen sehr ausführlichen und sehr praktischen Zugang mit vielen Fragen, Fragebögen und Tabellen, um betriebliche Probleme anzupacken. Das setzt aber immer offene Ohren, eine hohe soziale Kompetenz und viel Transparenz voraus.

Hinzu kommt, je tiefer man sich mit dem Buch beschäftigt, desto größer werden die gesetzlichen Defizite sichtbar, die in der Regel die Umsetzung unwahrscheinlich machen. Die zu Beginn des Buches dargestellte neoliberale Ideologie, die zentraler Bestandteil der der bisherigen Globalisierungsentscheidungen war, führt weg von all dem, was in dem Buch zu finden ist.

So macht das Buch deutlich, dass eine gesunde Arbeitswelt gute Arbeitsbedingungen voraussetzt, deren wesentlicher Rahmen durch klare Gesetze geregelt werden muß, in denen dann die Ausgestaltung durch Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen oder auch einzelne Unternehmensentscheidungen erfolgen kann.

Davon ist allerdings aktuell nicht viel zu sehen. Das Buch kann also eine gute Handlungsanleitung sein oder auch – je nach der weiteren sozialen Entwicklung – ein Beispiel dafür, was man hätte machen können, wenn man es gewollt hätte.

Wer in diesem Feld von Arbeit und Alter tätig ist, für den lohnt es sich bestimmt.

Das Buch ist im VSA-Verlag erschienen.

Jürgen Tempel / Juhani Ilmarinen

Arbeitsleben 2025

Das Haus der Arbeitsfähigkeit im Unternehmen bauen
Herausgegeben von Marianne Giesert
ISBN 978-3-89965-464-6

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About the Author

Der Autor hat vor, während und nach dem Studium als Dozent in der Erwachsenenbildung gearbeitet, u.a. für die Bundeswehr, die Arbeitsagentur und das Gesamtdeutsche Institut. Er war Leiter einer privaten Wirtschaftsschule und Geschäftsführer einer sozialen Organisation und Berater für die Umsetzung von Arbeit und Alter in Arbeitsprozessen. Er organisierte betriebliche Umstrukturierungen, leitete Konferenzen, schrieb Reden und coachte bzw. begleitete viele Jahre Menschen und Gruppen. Schwerpunkte dabei waren Übergänge, Arbeit und Alter, Konfliktbewältigung und neue Medien. Er ist Publizist, Autor diverser Bücher, Fachvorträge und Artikel und seit ca. zehn Jahren in den Online-Medien unterwegs, erst mit Texten und nach Studien über Cartier-Bresson auch mit Fotos und diversen multimedialen Reportagen.



One Response to Arbeitsleben 2025 von Jürgen Tempel, Juhani Ilmarinen, herausgegeben von Marianne Giesert

  1. Sehr geehrter Herr Mahlke, nun haben Sie eine Rezension geschrieben, über die wir uns sehr gefreut haben, es fehlt aber noch das Belegexemplar, das ich Ihnen gerne schicken würde, wenn Sie damit einverstanden sind. Dann senden Sie mir bitte eine Postanschrift, an die ich das Buch senden kann.

    Dazu habe ich ein kleines Spiel für die Widmung. Bitte schließen Sie die Augen und beobachten Sie, welches Wort zu dem Thema „Haus der Arbeitsfähigkeit“ in Ihnen aufsteigt. Wenn Sie mir dies Wort mitteilen, dann kann ich es in meine Widmung aufnehmen. Vielleicht haben Sie ja Lust dazu.
    Ich werde Ihre Besprechung als Link in meine Website aufnehmen, aber erst einmal verschwinde ich im Urlaub.
    Mit besten Grüßen
    Jürgen Tempel

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