Fachbuch

Published on April 20th, 2012 | by Michael Mahlke

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Arbeitsfähig in die Zukunft von Marianne Giesert (Hg.)

„Kurz gesagt bezeichnet Arbeitsfähigkeit die Leistungsfähigkeit im Hinblick auf konkret zu benennende Arbeitsanforderungen, insbesondere im Hinblick auf die vor Ort zu erledigenden Arbeitsaufgaben; sie wird nicht abstrakt und allgemein als Fähigkeit zur Arbeit verstanden, sondern als Fähigkeit zu bestimmten Aufgaben in bestimmten Situationen.“

Diese Definition von Gottfried Richenhagen aus dem Sammelwerk „Arbeitsfähig in die Zukunft“ bezeichnet den Kern des Buches, um den sich alle Beiträge drehen. Die „Arbeitsfähigkeit“ ist dabei der Schlüsselbegriff.

Im Zeitalter der Demografisierung von immer mehr gesellschaftlichen Probleme wird dieser Begriff natürlich auch als Ansatz für eine Antwort auf mögliche demografische Probleme benutzt.

Das Buch aus dem VSA-Verlag ist eine sehr umfassende Sammlung von Beiträgen zum Thema Arbeitsfähigkeit in der Praxis.

Ein Schwerpunkt wird dabei auf das betriebliche Gesundheitswesen gelegt und die Nutzung verschiedener Coaching-Ansätze beim Umgang mit Arbeitnehmern im Betrieb.

Mitbestimmung, Betriebsräte, die Hans-Böckler-Stiftung und Beispiele aus der Verwaltung und von Verkehrsbetrieben zeigen, wo das Konzept schon in dieser Form eingesetzt wurde. Dabei ist die Grundlage das Konzept der Arbeitsfähigkeit wie es im Deutschen WAI-Netzwerk (Work Ability Index) dargestellt wird.

Dies alles geht auf Forschungen und Publikationen von Juhani Ilmarinen zurück, der mit seinem Modell vom „Haus der Arbeitsfähigkeit“ die tatsächlichen Gegebenheiten von Möglichkeit und Wirklichkeit im Arbeitsleben dargestellt hat.

Der Schlüssel für die Beiträge ist fast durchgehend immer der Fragebogen für Arbeitnehmer zur Feststellung der Arbeitsfähigkeit und daraus entwickelt sich dann das weitere Vorgehen.

Welche Schwierigkeiten werden festgestellt, welche Maßnahmen können umgesetzt werden und wie moderiere und transferiere ich dieses Wissen? Dazu gibt es dann Hinweise für Betriebsräte und Beispiele aus der Praxis.

Das Buch ist gut, weil es ehrlich ist und sich auch vor der Dokumentation von Grenzen und Parallelwelten nicht scheut.

Arbeitsfähigkeit und Arbeitsbewältigung meinen dasselbe und zeigen die Beziehung zwischen zwei Größen: „der Arbeitsanforderung und dem individuellen oder kollektiven Potential… Die Arbeitsfähigkeit zeigt eine Tendenz, mit steigendem Alter linear abzunehmen… circa 60% der Gründe für die Abnahme der Arbeitsfähigkeit, der Störung der Balance, sind Folgen einer mangelnden Arbeitsgestaltung und eines bestimmten Führungsverhaltens, etwa 40% der Möglichkeiten fallen in den Bereich des Individuums und der individuellen Förderung der bio-psycho-sozialen Fähigkeiten.“ (25)

Es kommt nun darauf an, immer wieder eine Balance zu finden, um die Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen.

Dies ist aus Sicht von Ilmarinen möglich: „Es wird deshalb eine lebenslange und lebenslaufbezogene Arbeitsfähigkeitspolitik benötigt, die ausreichende Rahmenbedingungen herstellt und sichert, um eine individuelle Entwicklung im Alter zu ermöglichen.“

Von dieser lebenslaufbezogenen Arbeitsfähigkeit wird in diesem Buch die Arbeitsfähigkeit näher dargestellt und wie man dies umsetzt.

Jutta Schramm und Jürgen Tempel betreuen betriebsärztlich die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein und beschreiben in ihrem Beitrag die Praxis mit dem WAI, den sie weiterentwickelt haben. „Da der Arbeitsbewältigungsindex die subjektive Beanspruchung der Beschäftigten erfasst, aber nicht aufzeigt, was richtig oder falsch läuft, haben wir neben den schon genannten Kategorien Fragen zu Belatungen/Ressourcen aufgenommen, z.B. zur Arbeitsgestaltung, Führungsverhalten und sozialem Umfeld….“ (S. 133)

Ihre Schlussfolgerung ist bemerkenswert klar: „Die Anwendung des Arbeitsfähigkeitskonzeptes und des Arbeitsbewältigungsindexes erscheinen uns dabei sinnvoll und hilfreich bei der Bewertung der betrieblichen Entwicklung im Gesundheits. und Krankheitsbereich. Dieser mitarbeiterzentrierte Dialog soll die Eigeninitiative und Beteiligung der Beschäftigten fördern. Er ergänzt das Konzept des Anerkennenden Erfahrungsaustausches (AE), wie er von den Führungskräften durchgeführt wird.“ (S. 138)

Hier werden die Grenzen sehr deutlich. Das Buch enthält alles, was man braucht, um in diesem Rahmen die Arbeitsfähigkeit zu verstehen und einzusetzen. Aber es zeigt durch die Grenzziehung auch auf, dass der Begriff der Arbeitsfähigkeit an dieser Stelle nicht überfordert werden darf.

Denn er ist so keine Antwort auf mögliche demografische Probleme. Vielmehr ist er eine begriffliche und methodische Lösungsmöglichkeit zur Erfassung von aktuellen Wirklichkeiten und Möglichkeiten in bezug auf jeweils einen Menschen an einem bestimmten definierten Arbeitsplatz.

Aber genau deshalb ist das Buch sehr nützlich. Wer mehr zur Praxis des betrieblichen Eingliederungsmangements wissen will, wer mehr erfahren will über die gute Anwendung des WAI als Mittel für die Dokumentation aktueller realer Bedingungen von Menschen an Arbeitsplätzen, der findet in diesem Buch eine wertvolle und umfassende Hilfe aus der Praxis für die Praxis.

Marianne Giesert (Hrsg.)

Arbeitsfähig in die Zukunft

Willkommen im Haus der Arbeitsfähigkeit!

ISBN 978-3-89965-463-9

 

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About the Author

Der Autor hat vor, während und nach dem Studium als Dozent in der Erwachsenenbildung gearbeitet, u.a. für die Bundeswehr, die Arbeitsagentur und das Gesamtdeutsche Institut. Er war Leiter einer privaten Wirtschaftsschule und Geschäftsführer einer sozialen Organisation und Berater für die Umsetzung von Arbeit und Alter in Arbeitsprozessen. Er organisierte betriebliche Umstrukturierungen, leitete Konferenzen, schrieb Reden und coachte bzw. begleitete viele Jahre Menschen und Gruppen. Schwerpunkte dabei waren Übergänge, Arbeit und Alter, Konfliktbewältigung und neue Medien. Er ist Publizist, Autor diverser Bücher, Fachvorträge und Artikel und seit ca. zehn Jahren in den Online-Medien unterwegs, erst mit Texten und nach Studien über Cartier-Bresson auch mit Fotos und diversen multimedialen Reportagen.



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