Foto

Published on Januar 8th, 2011 | by Michael Mahlke

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Abisag Tüllmann, Bildreportagen und Theaterfotografie

Abisag Tüllmann muß ein ganz besonderer Mensch gewesen sein. Martha Caspers vom Historischen Museum in Frankfurt hat ein Buch über das Werk und das Leben der Fotografin herausgebracht, das seinesgleichen sucht. Ich meine, überall in diesem Buch das Bemühen zu finden, dieser Fotografin endlich einen angemessenen Platz in der Geschichte der Fotografie zu verschaffen und den Menschen dabei ebenso zu zeigen, für den ein Leben ohne Fotografie undenkbar schien.

Da ich die Fotografin Abisag Tüllmann nicht kenne und ihr Werk auch nicht, war dieses Buch für mich ein beeindruckender Weg in und durch das fotografische Leben der Fotografin. In einer anderen Buchrezension zu diesem Buch steht „Abisag Tüllmann (1935-1996) war eine der wichtigsten Fotografinnen der Bundesrepublik, doch das Wissen um ihr riesiges Lebenswerk war sehr beschränkt.“ Ich habe diesen Satz hier zitiert, weil ich nicht beurteilen kann, welche Fotografinnen die wichtigsten waren. Insofern danke ich dem Autor dieses Satzes für seine Einordnung. Wie auch immer!

Eines ist aber sicher. Wer das Buch gelesen und/oder bewußt durchgeblättert hat, der lernt einen Menschen kennen, der Fotografie und Leben eindrucksvoll miteinander verbunden hat.

Jan Gerchow, der Direktor des historischen Museums Frankfurt schreibt in seinem Vorwort: „Mit diesem Ausstellungsprojekt geht eine Ära unserer Museumsgeschichte zu Ende. Dass 1972 neu eröffnete historische museum frankfurt, das mit der Forderung … von Hilman Hoffmann nach einer Kultur für alle ernst machte…, wird jetzt abgerissen.“

Insofern ist die Darstellung von Arbeit und Leben der Fotografin Abisag Tüllmann auch eine Dokumentation einer Epoche, wenn ich das richtig verstanden habe. „Ihr Archiv aus roten Agfa-Fotokästen im Rücken schaut die Fotografin Abisag Tüllmann, die obligatorische Zigarette in der Rechten, dem Betrachter direkt in die Augen. Die Fotografie zeigt ihren Arbeits- und Lebensraum in der Oberlindau 51 im Frankfurter Westend. Hier entstand zwischen 1962 bis zu ihrem Tod 1996 ein umfangreicher Bildspeicher, ein Archiv der politischen Zeitgeschichte, der Kunst- und Theatergeschichte, ein großes fotografisches Lebenswerk.“

Mit diesen Worten beginnt Martha Caspers das Kapitel „Sehen – Hinsehen“. Am Ende des Kapitels folgt dann folgender Satz: „Nach Vorbildern gefragt, nennt Abisag Tüllmann neben Aufnahmen des Fotografen Henri Cartier-Bresson…, William Kleins New York-Buch und die Fotografie des Berliner Funkturms von Laszlo Maholy-Nagy sowie die Namen der Maler August Macke und Jean Dubuffet.“

Die Fotos im Buch zeigen ihre Grundthemen. „Sie untersucht Stadtlandschaften als soziale Lebensräume, die Unbehaustheit des Menschen, das Verhältnis von Individuum und Masse, Formen des Lernens und den Wandel von Arbeitsverhältnissen.“ (S. 11) Ihre Lebensschwerpunkte waren Hagen, Wuppertal und Frankfurt. Ja, es war nicht Berlin, New York und Shanghai sondern es waren deutsche kleinere und größere Städte.

Ihre Fotografien lassen sich nach diesem Buch technisch in Schwarzweissfotografie und Farbfotografie unterteilen und inhaltlich in Reportage und Kunst. Darunter verbirgt sich jeweils eine Spanne an guten und dokumentierenden Aufnahmen.

Abisag Tüllmann erinnert mit einigen Fotos direkt an das Werk von Henri Cartier-Bresson (z.B. Strassenszene an der Hauptwache auf S. 95). Doch dann merkt man sehr schnell, daß sie anders „sieht“. Ihre dokumentierenden Fotos der zeitgenössischen Kultur lassen Szenen wieder aufleben, ihre Farbfotos sind völlig Ausdruck ihres eigenen Charakters.

Es ist ein starkes Buch, das hier geschaffen wurde. Es ist ein großformatiges und großes Buch, welches die Leserin und der Leser hier erhält. Es ist darstellend, dokumentierend und es ist eine Biografie. Es ist die Biografie einer Fotografin, die ohne dieses Buch ihren angemessenen Platz wohl nicht erhalten hätte.

Das Buch lohnt sich. Es ist auch irgendwie ein Dokument der Jahre von 1965 bis 1996 und dokumentiert Kunst und Politik in Westdeutschland. Aber vor allem ist es eine sehr interessante Biografie einer wirklich interessanten Fotografin.

Martha Caspers (Herausgeberin):
Abisag Tüllmann 1935-1996. Bildreportagen und Theaterfotografie. Mit beiträgen von Martha Caspers, Monika Haas, Barbara Lauterbach, Kristina Lowis, Ulrike May, Katharina Sykora. Ostfildern 2010 (Hatje Cantz Verlag)
ISBN: 978-3-7757-2708-2

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About the Author

Der Autor hat vor, während und nach dem Studium als Dozent in der Erwachsenenbildung gearbeitet, u.a. für die Bundeswehr, die Arbeitsagentur und das Gesamtdeutsche Institut. Er war Leiter einer privaten Wirtschaftsschule und Geschäftsführer einer sozialen Organisation und Berater für die Umsetzung von Arbeit und Alter in Arbeitsprozessen. Er organisierte betriebliche Umstrukturierungen, leitete Konferenzen, schrieb Reden und coachte bzw. begleitete viele Jahre Menschen und Gruppen. Schwerpunkte dabei waren Übergänge, Arbeit und Alter, Konfliktbewältigung und neue Medien. Er ist Publizist, Autor diverser Bücher, Fachvorträge und Artikel und seit ca. zehn Jahren in den Online-Medien unterwegs, erst mit Texten und nach Studien über Cartier-Bresson auch mit Fotos und diversen multimedialen Reportagen.



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